Israel: Eine unerwartete Überraschung


Der Ägypter Haisam Hassanein war 2015 Schlussredner des Masterabschluss-Programms für internationale Studenten der Universität Tel Aviv. Hier seine unerwarteten Worte von der Abschlussfeier am 17. August, aus Platzgründen gekürzt.

Red.

Der Ägypter Haisam Hassanein war 2015 Schlussredner des Masterabschluss-Programms für internationale Studenten der Universität Tel Aviv

Der Ägypter Haisam Hassanein war 2015 Schlussredner des Masterabschluss-Programms für internationale Studenten der Universität Tel Aviv

Guten Abend. Es ist mir ein Vergnügen, an diesem Abend zu Ihnen zu sprechen, der das Ende eines Kapitels unseres Lebens markiert und den Beginn eines neuen. Ich möchte Sie alle dazu einladen, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um an den Beginn Ihres Abenteuers in Israel zu denken. Erinnern Sie sich daran, als Sie Ihre Zusage [für das Programm] erhielten? Sie waren vielleicht aufgeregt, nach Israel zu gehen.

Dann fingen Sie an, Menschen davon zu erzählen, dass Sie nach Israel gehen werden, und vielleicht wurden Sie ein bisschen nervös. Jeder in diesem Raum hat Freunde oder Familienmitglieder, die ihn warnten, nach Israel zu gehen.

Dort ist Krieg! Hast Du keine Angst, in die Luft gejagt zu werden? Haben sie überhaupt Wasser da? Sprechen Juden Englisch? Wenn Ihr meint, eine Million Gründe gehört zu haben, nicht nach Israel zu gehen, dann habe ich 1,5 Millionen Gründe gehört. Aufgewachsen in Ägypten, wusste ich, das ganze Land hatte Meinungen über Israel, und keine davon war positiv. Wir wussten nur, dass wir blutige Kriege geführt hatten, und dass sie nicht wie wir waren.

Mit Israel kam ich über die Musik und das Fernsehen in Berührung. Im Radio gab es Hymnen über die von Israel verursachte Zerstörung. In den Filmen waren die Israelis Spione und Diebe, und trotz des Fakts, dass unser Land 1979 einen berühmten Friedensvertrag mit Israel geschlossen hatte, sagte man mir, die Israelis seien unsere schlimmsten Feinde.

Ein neuer ägyptischer Action-Film namens Cousins, ein Kassenschlager, erzählte die Geschichte eines israelischen Spions, der eine Ägypterin heiratete und eine Familie mit ihr gründete, nur um sie und ihre Kinder nach Israel zu entführen. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich zum Studieren nach Israel ging, hatte sie verständlicherweise Panik, dass ich mir eine Freundin nähme.

Ich kam nach Israel und wusste nur, was ich durch die Filme und Medien gelernt hatte. Als mich am Flughafen der Sicherheitsbeamte fragte, warum ich hierher kam, sagte ich daher halb ernst: „Ich habe immer gehört, dass die Juden schlechte Menschen sind, und jetzt bin ich hierhergekommen, um mir selbst ein Bild davon zu machen.“
Ich erwartete, dass die Leute hier unfreundlich zu mir sein würden, und besonders unglücklich darüber, Ägypter zu treffen. Ich war angenehm überrascht, denn genau das Gegenteil war der Fall. Man lud mich überall ein, von [jüdischen] Schabbat-Essen über [muslimische] Ramadan Iftar-Gerichte, zu Theaterstücken und sogar zu politischen Versammlungen. Und die Vielfalt, die ich hier vorfand, war genauso überraschend wie die Herzlichkeit der Menschen.

An meinem allerersten Tag hier an der Uni sah ich Männer mit Kippot [moderne jüdische Kopfbedeckung für Männer] und Frauen mit Kopftüchern und Hidschabs [Ganzkörperschleier für muslimische Frauen]. Ich sah Soldaten, die friedlich in Unmengen von lebhaften Studenten umhergingen. Ich lernte, dass es Menschen aller Art auf dem Campus gab, und dass die Uni ihnen allen Raum bot – Juden, Muslimen, Christen, Drusen, Beduinen, und sogar internationalen Studenten.

Ich entdeckte, dass die Vielfältigkeit des Unicampus von Tel Aviv sich auch in Tel Aviv widerspiegelte.

Wo sonst findet man einen christlichen Araber, in dessen Wohnung Poster von Mao und Lenin hängen? Wo sonst sieht man einen Beduinen, der als Soldat der IDF [der israelischen Armee] auf der Zugfahrt den Koran im [muslimischen Monat] Ramadan liest …? Meine Erfahrungen hier wurden ganz sicher vom Unerwarteten geprägt.

Wenn man außerhalb von Tel Aviv unterwegs ist, fällt automatisch die Nähe von Kibbuzim [jüdische Landwirtschaftskollektive] zu arabischen Dörfern auf, und der problemlose Umgang, den sie miteinander zu haben scheinen.

Die vielleicht größte Offenbarung während meiner Zeit hier war die Erkenntnis, dass die Menschen, trotz aller sich widersprechender Hintergründe und Identitäten, noch immer fähig sind, ihr Alltagsleben in einem Geist der Kooperation zu leben …

Ich denke oft über die Eigenartigkeit meiner Ankunft in diesem Land nach, wo die Menschen, die man mich gelehrt hatte, als Feinde zu sehen, sich verwandelten in meine Lehrer, Klassenkameraden, Verkäufer, Ärzte und Berater. Wenn Israelis mich fragen, wie es sich für mich anfühlt, in diesem Land zu sein, muss ich ehrlich sein. Ich sage ihnen, dass ich sie, ehe ich sie kannte, nicht mochte. Doch ich hätte nie damit gerechnet, dass meine „Feinde“ mich in ihren Schulen, ihrem Land, und darüber hinaus in ihrer Gesellschaft, akzeptierten.

Interessanterweise erlebte ich am Ende meiner Auslandserfahrung eine meiner größten Überraschungen nicht in Israel, sondern in Ägypten.

Jedes Jahr während des Ramadans gibt es eine besondere Sendereihe von Seifenopern, die sich Familien in der ganzen arabischen Welt gemeinsam nach dem Fastenbrechen anschauen. Die diesjährige Seifenoper hieß Haret el-Yahoud, „Das jüdische Viertel“, und erzählte die Geschichte ägyptischer Juden unmittelbar nach der Gründung Israels. 

Die Serie behandelt die Fragen von Identität und Politik und ist mit jüdischen und muslimischen Darstellern besetzt. Es gibt sogar eine interreligiöse Liebesgeschichte.

Als Geschichtsstudent kann ich nicht sagen, die Serie sei perfekt gewesen, doch die erstmalige Darstellung von Juden als menschliche Wesen, als Menschen mit einer Liebe zur Familie und zu ihrem Land, statt, wie sonst, als sterbliche Feinde, ist nichts weniger als außergewöhnlich. Und während Ägypten noch ein gutes Stück Weg vor sich hat, ehe es Israel als Freund akzeptiert, wird diese Serie vielleicht bei mehr Ägyptern die Bereitschaft wecken, zumindest ihr Bild „des Feindes“ zu überdenken.

Nach einem Jahr unzähliger Überraschungen, ist mir aufgegangen, dass ich aus alledem eine Lehre ziehen sollte, eine, von der wir alle profitieren können. Mehr noch, ich denke, dass wir Magisterstudenten, die wir danach streben, die Dinge besser zu verstehen, eines besonders gut verstehen können: Wir müssen stets unsere Annahmen hinterfragen. Meine Zeit hier in Israel hat mich gelehrt, dass das Leben voller Paradoxe und komplex ist – dass nichts einfach ist, und dass die Dinge oft nicht so sind, wie sie uns glauben gemacht werden. Ganz gleich, wie viel Bildung und Lebenserfahrung wir erlangen, wir müssen immer tiefer graben.

Daher lasst uns heute, da wir das Ende eines großartigen Jahres feiern, auch daran denken, voranzugehen, indem wir neu neugierig sind, wissend, dass die einzige Sache, die wir wirklich im Leben erwarten sollten, die ist, dass das Leben anders als unsere Erwartungen ist.

Vielen Dank.

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